M.Th.B. - mit Volldampf durch den blühenden Thurgau

Die abenteuerliche Rettung der
Dampflok M.Th.B. Ec 3/5 Nr. 3
oder:
Die unglaubliche Geschichte des Vereins “Historische Mittel-Thurgau-Bahn”


Kurz vor Weihnachten 2002:

Freitag, 20. Dezember 2002

In der Zeitschrift “Eisenbahn Amateur 12/2002 stolpert Jürg Schumacher zwischen Inseraten für ”Antiquariatsbücher“, ”Abstossartikel“ und Spur-0-Loks fast zufällig über eine weitere Anzeige mit dem Text ”Zu verkaufen aus MThB-Besitz: Ec 3/5 Dampflokomotive“. Im ersten Moment denkt er an eine Modelldampflok, bis ihm bewusst wird, dass es sich wohl doch allen Ernstes um die ”richtige" MThB-Dampflok im Massstab 1:1 handeln muss.

Ein Anruf bei der angegebenen Adresse in Zürich bringt die traurige Wahrheit ans Licht: Die MThB-Dampflok Ec 3/5 Nr.3 soll tatsächlich an den Meistbietenden verkauft werden. Offenbar hat niemand den eisenbahnhistorischen Wert und die kulturelle Bedeutung dieses Einzelstücks für den Thurgau erkannt - stellt doch die Lok Nr.3 die letzte von insgesamt vier identischen Fahrzeugen dar, welche 1912 bei der SLM Winterthur speziell und ausschliesslich für die steigungs- und kurvenreichen Stecken der “Mittel-Thurgau-Bahn” entwickelt und gebaut worden waren. Die drei Schwesterloks wurden bereits vor Jahren verschrottet.

Noch schlimmer ist aber, dass die Lok offenbar bereits so gut wie verkauft ist und der Vertragsabschluss lediglich an der Finanzierung hängt. Die weiteren Abklärungen ergeben, dass der neue Besitzer die Lok aus der Ostschweiz abziehen und den bestehenden Nutzungsvertrag mit dem DVZO (Dampfbahn-Verein Zürcher-Oberland) sofort kündigen würde. Der zu bezahlende Kaufpreis ist mit 150’000 Franken festgelegt.

Jürg Schumacher einigt sich mit dem Liquidator dahingehend, dass derjenige Käufer, welcher bis zum 20. Januar 2003 den gesamten Kaufpreis in bar bezahlen kann, den Zuschlag erhalten wird. Als professioneller Optimist ist er der Überzeugung, dass innert 30 Tagen 300 Eisenbahnfans zu finden sind, welche je 500 Franken in diese gute Sache investieren (= 150’000.-).

Sein Ziel ist es, die Dampflok möglichst breit in der Thurgauer Bevölkerung zu verankern und damit dem Vorwurf entgegenzutreten, dass die Lok das “Hobby einiger einzelner verrückter Spinner” sei. Es werden juristische Vorabklärungen getroffen, welche Rechtsform diesem Anliegen am ehesten Rechnung tragen könnte.

Ein weiteres Ziel ist der Erwerb der beiden historischen Wagen des sogenannten “Mostindien-Express”. Es handelt sich dabei um einen weitgehend unveränderten Gepäckpostwagen MThB FZ 202 mit Baujahr 1911 (aus der gleichen Serie wie der FZ 203 des DVZO) und einen leicht abgeänderten Salonwagen MThB C 111 (Prototyp der späteren “Seetaler”), dessen älteste Teile auf 1907/1908 zurückgehen. Dafür sind weitere 50’000 Franken erforderlich.

Gleichzeitig gestaltet und aktiviert Jürg Schumacher einen Internetauftritt unter “www.mthb.com”, welcher über Fahrzeuge und Zielsetzung informiert.

Dienstag, 14. Januar 2003

Die Presse berichtet erstmals in kleinem Umfang über unser Projekt. Das Telefon klingelt den ganzen Tag. Entsetzte Thurgauerinnen und Thurgauer wollen wissen, ob die Geschichte wahr sei und was denn die kantonalen Stellen unternehmen würden. An normales Arbeiten ist nicht zu denken. Die ersten, verbindlichen Beitrittserklärungen und Zeichnungsscheine gehen ein. Darunter ganz erstaunliche Zusagen von Privatpersonen mit z.T. über 10’000 Franken.

m Abend des 14. Januar wird der Verein “Historische Mittel-Thurgau-Bahn” aus der Taufe gehoben. Drei Vorstandsmitglieder (Jürg Fetzel, Hubert Haag, Jürg Schumacher) und der Revisor (Roland Huber) gründen den Verein in Märstetten. Die Statuten werden einstimmig genehmigt. Vereinssitz ist Weinfelden im Herzen des Kantons Thurgau.

Zu den Personen:

  • Jürg Schumacher: (Gründungs-Präsident)
    Geboren 27.02.1957. Bürger von Kyburg und Märstetten, aufgewachsen und wohnhaft in Märstetten (direkt an der Thurtallinie). Liebste Hobbies: Eisenbahnen, Modelleisenbahnen Spur H0, Elektronik, Amateurfunk, Singen im Männerchor «Männerchor Liederkranz am Ottenberg». Kleinunternehmer aus Märstetten, seit 1981 selbständig im Bereich Funktechnik und - seit 1991 - zusätzlich Inhaber eines Modelleisenbahngeschäfts.

  • Jürg Fetzel: (Gründungs-Aktuar)
    Aufgewachsen und wohnhaft in Weinfelden. Liebste Hobbies: Modelleisenbahnen Spur N, Theater spielen, Singen im Männerchor «Männerchor Liederkranz am Ottenberg». Wissenschaftlicher Assistent am Lehrerseminar Kreuzlingen.

  • Hubert Haag: (Gründungs-Kassier)
    Aufgewachsen und wohnhaft in Bussnang (direkt beim Bahnhof). Liebste Hobbies: Singen in den Männerchören Bussnang und «Männerchor Liederkranz am Ottenberg». Bei Vereinsgründung noch tätig als Grundbuchverwalter und Notar in Bussnang.
  • Roland Huber: (Gründungs-Revisor)
    Aufgewachsen und wohnhaft in Bussnang in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Liebste Hobbies: Ältere Eisenbahnen, vorallem MThB, Modelleisenbahnen Spur H0, Hundewagen-Rennen. Seit einigen Jahren selbständiger Gartenbauunternehmer und Import von Hundewagen.

Mittwoch, 15. Januar 2003

Eine weitere Presseinfo wird verschickt. Peter Spuhler hat definitiv das Patronat übernommen. Bereits sind 40’000 Franken verbindlich zugesagt. Allerdings fehlen noch 120’000 Franken bis zum Ziel, welches in einigen Tagen erreicht sein müsste ... !

Donnerstag, 16. Januar 2003

Das leider im Thurgau nicht sehr verbreitete «TAGBLATT» berichtet in grösserem Stil über unser Projekt und über die Tatsache, dass wir von Peter Spuhler unterstützt werden. Wir versenden ein Schreiben an alle Thurgauer Kantonsräte mit der Bitte, uns zu unterstützen. Wir versuchen, die Redaktion von “Schweiz aktuell” des SF DRS für unser Anliegen zu interessieren - leider ohne Erfolg. Hingegen berichtet der süddeutsche Sender SWR3 und SWR4 (!) über unser Projekt.

Freitag, 17. Januar 2003

Die Thurgauer Zeitung berichtet in einem kleinen Beitrag, dass 40’000 Franken beisammen sind. Die Presse wird auf Sonntag, 19.1.03 zu einem Ortstermin mit dem DVZO in Bauma eingeladen. Es kommen zwar täglich weitere Zusagen, aber die Zeit läuft uns davon.

Sonntag, 19. Januar 2003

Wir treffen uns mit Hugo Wenger und Jürg Hauswirth vom Dampfbahn-Verein Zürcher-Oberland - welcher die Dampflok MThB Ec 3/5 Nr.3 bis jetzt betrieben hat - in Bauma zu einer ersten, persönlichen Besprechung mit anschliessender Pressekonferenz.

Von der Presse erscheint nur ein einziger, frei schaffender Journalist. Die Chancen, das Geld auch nur halbwegs zusammen zu bekommen, schwinden dahin.

Mittwoch, 22. Januar 2003

Die Geschäftsleitung der MThB gewährt uns eine Fristverlängerung bis zum 31. Januar 2003, was dem Liquidator allerdings keine grosse Freude macht.

Montag, 27. Januar 2003

Es sind erst gut 70’000 Franken zugesagt - nur noch 4 Tage! Die Presse wird nun bestürmt und berichtet endlich grossflächig und mit Bildern über unser Projekt. Erstmals berichtet auch “Tele Top” eindrücklich zu diesem Thema.

Donnerstag, 30. Januar 2003

Die Medienberichte haben gewirkt:  Innert 3 Tagen sind weitere 50’000 Franken zugesagt worden.

Geld kommt unter anderem von einem Regierungsrat des Kantons St. Gallen und von einem Thurgauer aus China. Auch die Thurgauer Politiker nehmen allmählich unser Problem wahr.

Noch immer sind wir unsicher, ob wir den Kaufvertrag unterschreiben sollen, da dieser eine Konventionalstrafe von 10’000 Franken für den Fall vorsieht, dass bis Ende Februar nicht der gesamte Betrag beschafft werden kann.

Freitag, 31. Januar 2003

Die MThB erklärt sich bereit, den Verkauf von Dampflok Ec 3/5 und den Wagen des “Mostindien-Express” zu trennen und auf die Möglichkeit einer Konventionalstrafe zu verzichten. Die neuen Verträge sollen am Montag, 3. Februar 2003 in Weinfelden unterzeichnet werden.

Montag, 3. Februar 2003

Der Kauf wird vorerst mündlich besiegelt, da in den Verträgen noch einige kleinere Korrekturen vorgenommen werden müssen. Der Verein “Historische Mittel-Thurgau-Bahn” erwirbt die Dampflok MThB Ec 3/5 Nr.3 zum Preis von 150’000 Franken und die Wagen FZ 502 und C 111 für 30’000 Franken.

Freitag, 7. Februar 2003

In nur 3 Wochen (!) sind 165’000 Franken beschafft worden. Die bereinigten Kaufverträge werden am Hauptsitz der Mittelthurgaubahn feierlich unterzeichnet.

Montag, 10. Februar 2003

Der Kaufpreis von 150’000 Franken wird heute an die MThB überwiesen. Der Verein “Historische Mittel-Thurgau-Bahn” ist nun rechtmässiger Besitzer der wunderschönen Dampflok MThB Nr.3. Die fehlenden Mittel für den “Mostindien-Express” müssen bis zum 31. März beschafft werden.

Samstag, 1. März 2003

Der DVZO organisiert eine “Grosse Thurgau-Rundfahrt” - ein tolles Erlebnis für alle Beteiligten: Die Aktivmitglieder des Vereins “Historische Mittel-Thurgau-Bahn”, welche zwischen 500 und 20’000 Franken für den Erhalt der Ec 3/5 bezahlt haben, geniessen an diesem Wochenende freie Fahrt, welche am ersten Tag über Etzwilen, Kreuzlingen, Romanshorn, Weinfelden nach Wil SG führt. Auf der sonntäglichen Rückfahrt findet in Bussnang ein kurzer, offizieller Festakt mit Nationalrat Peter Spuhler im Werk der Firma Stadler Bussnang AG statt. Danach geht die Fahrt weiter über Weinfelden, Siegershausen, Kreuzlingen, Romanshorn und wieder zurück via Kreuzlingen nach Etzwilen. Wir versuchen, weitere Mitglieder für unseren Verein zu gewinnen.

Montag, 31. März 2003

Wir können die 30’000 Franken für die beiden Wagen FZ 502 und C 111 an die MThB überweisen. Noch vor dem 1. April gehört nun der komplette “Mostindien-Express” wieder weitestgehend der Thurgauer Bevölkerung sowie einigen idealistischen Eisenbahnfreunden aus der ganzen Welt.

Donnerstag, 1. Juni 2006

Seit heute sitzt eines unserer Vereinsmitglieder der ersten Stunde im Regierungsrat des Kantons Thurgau. Wir gratulieren Dr. Jakob Stark zu seinem neuen Amt und hoffen, dass er trotz oder gerade wegen seiner verantwortungsvollen Aufgabe der «Historischen Mittel-Thuragu-Bahn» die Treue halten wird.


Von 1979 bis 1986 studierte Jakob Stark an der Universität Zürich Allgemeine Geschichte, Volkswirtschaft und Publizistik. Er finanzierte das Studium weitgehend selbst, indem er nebenher arbeitete (Gewürz- und Teehandlung, Weinhandlung, Thurgauer Zeitung, elterlicher Bauernhof) und auch Studiendarlehen aufnahm. Das Studium schloss er 1986 mit dem lic. phil. I ab. Danach stieg er ins Erwerbsleben ein, arbeitete jedoch in seiner Freizeit und in zusätzlichen unbezahlten Ferien an der Doktorarbeit, für die er 1993 den Titel eines Dr. phil. I erhielt.